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Ein Beitrag zu Historie und Gegenwart des Islamismus

Salafismus -‭ ‬eine Bedrohung für die westliche Welt‭?

Donnerstag, 05 November 2015 22:29 geschrieben von 

Berlin - Seit einigen Jahren geistert der Begriff‭ „‬Salafismus“ durch die deutschen Medien.‭ ‬Schlagartig war auf einmal dieser Begriff da und wird seitdem inflationär in jeder Debatte über die potentielle Gefahr von radikalen Muslimen verwendet.‭ ‬Höhepunkte der Debatte waren die letzten Demonstrationen von den‭ „‬Hooligans gegen Salafisten“‭ (‬Ho.Ge.Sa.‭)‬,‭ ‬den‭ „‬Patriotischen Europäern Gegen die Islamisierung des Abendlandes“‭ (‬PEGIDA‭)‬,‭ ‬aber auch das Pariser Attentat und die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen säkularen Kurden und sunnitischen Muslimen‭ ‬im Zuge des zugespitzten Syrienkonflikts. Doch kaum einer weiß etwas über den eigentlichen Ursprung dieser islamischen Strömung.

Entstehungsgeschichte des Salafismus

Grundlegend begann schon in der Anfangszeit des Islams‭ ‬der Konflikt zwischen Traditionalisten und sogenannten Erneuerern‭ (‬Muʿtazila, zu deutsch‭ „‬die sich Absetzenden“‭)‬,‭ ‬die sich auf die griechische Philosophie beriefen.‭ ‬Als Urvater des sogenannten Salafismus‭ ‬gilt der Begründer der letzten sunnitischen Rechtsschule,‭ ‬Ahmad ibn Hanbal‭ (‬gestorben‭ ‬855‭ ‬n. Chr.‭)‬.‭ ‬Im Laufe der nun folgenden Jahrhunderte‭ ‬schwelte der Konflikt zwischen worttreuen Muslimen und den Erneuerern in der Religion immer wieder auf.‭ Den ‬Höhepunkt in diesem Zusammenhang‭ ‬stellten die Bemühungen des Stammes Saud und des hanbalitischen Gelehrten‭ ‬Muhammad ibn Wahab‭ (‬gest.‭ ‬1792‭ ‬n.Chr.‭)‬,‭ ‬einen puritanisch-orthodoxen Staat auf der arabischen Halbinsel zu gründen,‭ ‬dar.‭ ‬Dieses eigentliche Ziel‭ ‬fand mit der Gründung des monarchistischen Saudi-Arabien im Jahre‭ ‬1932‭ ‬seine Vollendung.‭ ‬Staatsdoktrin ist seitdem der‭ ‬Wahabismus‭ (‬benannt nach ibn Wahab‭)‬,‭ ‬dessen Sogwirkung gerade durch die in Saudi-Arabien befindlichen Heiligen Stätten Mekka und Medina gewährleistet wird und dessen Schriften gerade auch bei westlichen Salafisten gerne rezipiert werden.‭ 

Eine weitere Quelle für den zeitgenössischen Salafismus ist der Vordenker der ägyptischen Muslimbrüder,‭ ‬Sayyid Qutb‭ (‬gest.‭ ‬1966‭ ‬n.Chr.‭)‬.‭ ‬Dessen Werke gelten für die islamische Bewegung im‭ ‬20.‭ ‬und‭ ‬21.Jahrhundert‭ ‬als besonders einflussreich.‭ ‬In heutiger Zeit finden wir diesen Konflikt‭ ‬zwischen orthodoxen Muslimen und den Anhängern eines mystischen Islams‭ ‬auch im Westen wieder.‭ ‬Die‭ ‬Salafiyya ist dabei eine Spielart des traditionellen Islams und beruft sich auf die drei rechtgeleiteten Generationen nach dem Ableben des Propheten Muhammad,‭ ‬den sogenannten‭ ‬Salaf.‭ ‬Diese Rückbesinnung auf die Frühzeit des Islams‭ ‬macht den modernen Salafismus zu einer puritanischen Reformbewegung im Islam.‭ ‬Es werden also jegliche Erneuerungen‭ (‬bi´da‭) ‬in der Religion abgelehnt und die Urquellen des Islams wortwörtlich genommen.‭ ‬Hinzukommt die Ablehnung jeglicher Formen des Nationalismus und kultureller Eigenheiten in der islamischen Welt.‭ 

Die Lage in Deutschland

Doch wie sieht die salafistische Szene in Deutschland aus‭? ‬Im Jahre‭ ‬2005‭ ‬gründete der Islamkonvertit Pierre Vogel mit seinem Gefolgsmann Ibrahim Abou Nagie‭ ‬die Internetseite‭ „‬DiewahreReligion‭“‬.‭ ‬Ibrahim Abou Nagie sollte später durch die Koranverteilaktion‭ „‬Lies‭!“ ‬deutschlandweit zu Berühmtheit gelangen,‭ ‬so dass er im Jahre‭ ‬2014‭ ‬schon Autogramme für Nicht-Muslime schreibt.‭ ‬Die ersten medialen Berichterstattungen über die beiden Initiatoren waren jedoch durchweg wohlwollend.‭ ‬Der Begriff‭ „‬Salafist‭“ ‬spielte also noch keine Rolle.‭ ‬Erst im Laufe der folgenden Jahre,‭ ‬einhergehend mit den geopolitischen Zuspitzungen im Nahen Osten,‭ ‬wurde zunehmend von radikalen Salafisten gesprochen.‭ ‬Seitdem ist der Duktus der medialen Öffentlichkeit ein anderer geworden.‭ ‬In der heutigen Zeit können salafistische Prediger kaum noch in Moscheen predigen,‭ ‬da von staatlicher Seite dieses nicht mehr geduldet wird.‭ 

Grundlegend kann der Salafismus in Deutschland, aber auch in anderen westlichen Staaten,‭ ‬in drei oftmals verwendete Kategorien eingeteilt werden:‭ ‬1.‭ ‬Der Mainstream Salafismus.‭ ‬Diese Strömung ist überwiegend apolitisch und beschränkt sich auf die Missionierung,‭ ‬der sogenannten Dawa,‭ ‬dem Ruf zum Islam.‭ ‬Bekannte Prediger aus diesem Spektrum sind der Leipziger Imam Hassan Dabbagh,‭ ‬der oftmals in Talkshows auftritt und der Berliner Prediger Abul Baraa.‭ ‬Letzterer bezeichnete jüngst IS-Anhänger als‭ „‬Hunde der Hölle‭“‬.‭ ‬Die meisten Salafisten lassen sich diesem Spektrum zuordnen.‭ ‬2.‭ ‬Der politische Salafismus.‭ ‬Gallionsfigur stellt hier der deutsche Prediger Pierre Vogel dar,‭ ‬der neben der Missionierung auch oftmals politische Statements abgibt.‭ ‬Sein Weggefährte,‭ ‬ebenfalls ein Deutscher,‭ ‬Sven Lau,‭ ‬erlangte in diesem Jahr durch die Sharia-Polizei in Wuppertal eine größere Bekanntheit.‭ ‬Zudem gibt es in diesem Spektrum größere Gruppierungen,‭ ‬wie die aus Ägypten stammende Hizb ut-Tahrir und die türkische Furkan-Gemeinschaft.‭ ‬3.‭ ‬Der‭ ‬dschihadistische Salafismus.‭ ‬In diesem Bereich befinden sich gewaltbereite Islamisten,‭ ‬die ihre politischen Ziele auch mit Gewalt durchsetzen wollen.‭ ‬Bekannte Propagandisten sind beispielsweise Mohammed M.‭ (‬Abu Usama al Gharib‭)‬,‭ ‬der vor einiger Zeit abgeschoben wurde und, nach einem Gefängnisaufenthalt in der Türkei,‭ ‬sich nun in Syrien dem IS angeschlossen hat.‭ ‬Ein weiterer Vertreter und Freund von Mohammed M.‭ ‬ist der deutsche Michael N.‭ (‬Abu Dawud‭)‬.‭ ‬In letzter Zeit erschien ein Internetvideo namens‭ ‬„Wait.‭ ‬We are also wait.‭“‬,‭ ‬in dem Michael N.‭ ‬Bundeskanzlerin Merkel als‭ „‬schmutzig‭“ ‬bezeichnet und unverhohlen bedroht.‭ ‬Beide waren Mitglieder in den verbotenen Vereinen‭ „‬Millatu Ibrahim‭“ ‬und dessen Nachfolgeorganisation‭ „‬Tauhid Germany‭“‬.‭ ‬Für solcherlei Leute sind sogar die Herrscher in Saudi-Arabien Ungläubige,‭ ‬weil sie mit den Amerikanern kooperieren.‭ 

Die Bedrohung durch den Euro-Islam

Die unterschiedlichen salafistischen Strömungen in Deutschland und in Europa zeichnen sich dadurch aus,‭ ‬dass sie ausgesprochen unterschiedliche Ansichten haben.‭ ‬Bei einigen wird der IS verteufelt,‭ ‬bei anderen wiederum offen propagiert.‭ ‬Einigkeit sieht anders aus.‭ ‬Ähnlich schaut es auch in der gesamten islamischen Welt aus.‭ ‬Neben den vier sunnitischen Rechtsschulen und der schiitisch-dschafaritischen Rechtsschule,‭ ‬existieren unterschiedlichste Sekten und Gruppierungen.‭ ‬Oftmals wird der Islam ausschließlich mit dem Nahen Osten und Saudi-Arabien in Verbindung gebracht,‭ ‬wobei das größte islamische Land Indonesien darstellt.‭ ‬Nur‭ ‬20%‭ ‬der Muslime leben im Mittleren Osten.‭ ‬So stellt sich die Frage nach der potentiellen Bedrohung durch den Islam im Allgemeinen,‭ ‬und dem Islamismus im Speziellen für den Westen.‭ ‬Für unser kulturelles Erbe in Europa und unsere europäische Identität‭ ‬ist im besonderen Maße der sogenannte‭ „‬Euro-Islam“‭ ‬eine Bedrohung.‭ ‬Er zielt darauf ab,‭ ‬unsere Kultur zu durchmischen und ethnische Differenzen‭ ‬durch das allgegenwärtige Gleichheitspostulat‭ ‬zu untergraben.‭ ‬Ersehnt wird dieses von unseren sozialromantischen Multikultiapologeten,‭ ‬deren Handeln von einem wahnhaften Hass auf das Eigene geprägt ist.‭ ‬Dieses eigentlich selbstverständliche Recht,‭ ‬das Einzigartige einer Kultur pflegen zu dürfen,‭ ‬sollte jedoch für jedweden Breitengrad auf unserem blauen Planeten gelten,‭ ‬so auch für die islamische Welt.‭ ‬Doch zurück zu Europa:‭ ‬Manche Prediger der Salafiyya empfehlen sogar,‭ ‬die sogenannte‭ ‬Hidschra zu vollziehen,‭ ‬also in ein islamisches Land auszuwandern.‭ ‬Oftmals wird dieses als Pflicht angesehen.‭ ‬Jeder an seinem Platz und verwurzelt in seiner Kultur.‭ ‬Das kann uns nur Gutes verheißen und zudem zu einer entspannteren und differenzierteren Betrachtung des Salafismus-Phänomens führen.‭ 

Was sich ändern muss

Dieses wird jedoch gerade in Europa von unseren Politikern,‭ ‬ob nun pink,‭ ‬schwarz oder grün,‭ ‬mit Füßen getreten.‭ ‬Deutsche sollten sich also vermehrt mit sich selbst und ihrer Identität auseinandersetzen.‭ ‬Zudem sollte der umsichtige Beobachter unsere Wohlstandspolitiker genau im Auge behalten.‭ ‬Um eine grundierte Veränderung der hiesigen Verhältnisse zu erwirken,‭ ‬müssen neue Zugänge zu unserem kulturellen Erbe gefunden werden.‭ ‬Soll heißen,‭ ‬es muss die hegemoniale Stellung des Gleichheitswahns,‭ ‬der Bilderstürmerei und der Sprechverbote durchbrochen werden.‭ ‬Denn wenn das Eigene wieder seinen selbstverständlichen Platz im Herzen bekäme,‭ ‬würde es zu einer größeren Gelassenheit im Umgang mit dem Islamismus führen.‭ ‬Es werden von der herrschenden Klasse oftmals Symptome bekämpft,‭ ‬aber nicht die eigentliche Ursache und Entstehungskraft von ultraradikalen Rändern:‭ u‬nsere dekadente und wohlstandsgebeutelte Gesellschaft.‭ ‬Die Gesellschaft des‭ „‬anything goes“.‭ ‬Unser verachtungswürdiger Liberalismus,‭ ‬der alles Schöne und Erhabene nivellieren und relativieren möchte.‭ ‬Solange dieses geistige Vakuum fortbesteht,‭ ‬wird auch die ohnmächtige Angst vor den salafistischen Bartträgern nicht verschwinden. Auch durchaus reale islamische Eroberungsbestrebungen im Zusammenhang mit der aktuellen Masseneinwanderung konnten letzten Endes nur als Folge des inneren geistig-seelischen Verfalls Europas wirklich Gestalt gewinnen.

Letzte Änderung am Freitag, 06 November 2015 03:34
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Nando-Dragan Augener

Nando-Dragan Augener, Jahrgang 1989, machte 2010 sein Abitur und lebt in Hamburg.
Während seines Studiums der Erziehungswissenschaften und der Soziologie an der Universität Hamburg verfaßte er regelmäßig Artikel für das Studentenmagazin Blaue Narzisse. Seine Interessensgebiete sind Malerei, Literatur, Philosophie und Politik.
Für COLPORTAGE befaßt er sich mit Literatur und Bildender Kunst.

Webseite: www.colportage.de

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