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Ein Erbfolgestreit und dessen Folgen

Spanien, der liberale Staat und die Carlisten

Dienstag, 27 Oktober 2015 13:56 geschrieben von 
Carlistisches Wappen Carlistisches Wappen

Barcelona - Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich in Spanien die aus dem revolutionären Frankreich stammende Ideologie des Liberalismus. Die traditionelle Monarchie und die dezentralisierte Staatsform Spaniens (die immer harmonisch funktioniert hatten) gerieten ins Visier der Liberalen. Jede Region des Landes hatte bisher ihre eigenen Sitten und Gesetze, und trotzdem fühlte man sich als Teil eines Ganzen, Bestandteil einer spanischen Einheit.

Die Verbreitung der neuen Ideen hatte das Ziel, das Land zu destabilisieren. Die Aristokratie sollte langsam von einer neuen Herrscherklasse ersetzt werden, von jener der Plutokraten. Man wollte den traditionellen Adel Schritt für Schritt abschaffen, um ihn dann durch den neuen Geldadel des liberalen Bürgertums zu ersetzen. 

Zwei entgegengesetzte politische Strömungen begannen also, Gestalt anzunehmen: die der Liberalen und die der Traditionalisten (von ihren Gegnern als „Absolutisten“ bezeichnet). 

König Ferdinand VII. starb 1833. Er hatte nur eine Tochter, Isabella, die zu diesem Zeitpunkt nur drei Jahre alt war. Damals war das Erbfolgerecht durch das „Lex Salica“ bestimmt, das nur männliche Thronanwärter zuließ, wenn es im ersten Verwandtschaftsgrad des verstorbenen Königs noch welche gab. Daher war Ferdinands jüngerer Bruder, Carlos María Isidro, nach Meinung seiner Unterstützer der rechtmäßige Erbe. 

Die zwei politische Strömungen die sich schon seit mehreren Jahren gegenüberstanden, unterstützten jeweils einen anderen Kandidaten: die „Absolutisten“ waren Anhänger von Carlos, und die Liberalen wollten Isabella auf dem Thron haben. Natürlich, und vor allem deshalb, weil die Dreijährige nicht in der Lage war, selbst das Land zu regieren, und sie, die Partei der Liberalen und Freimaurer, dann faktisch die Macht an sich selbst reißen würden. Es handelte sich also in Wirklichkeit um nichts anderes als einen Putsch.

So fing ein neuer Bürger- und Bruderkrieg in Spanien an. Die Carlisten genossen eine große Unterstützung des einfachen Volkes, besonders im Baskenland und in Katalonien, denn sie wollten das System der regionalen Gesetze erhalten, während die Liberalen einen zentralisierten jakobinischen Staat nach Frankreichs Muster anstrebten. 1840 siegten (mit ausländischer Unterstützung) die „Isabellinen“, der liberale Flügel der Bourbon-Dynastie; Carlos mußte ins Exil. Aber die Carlisten führten weiterhin jahrelangen Widerstand als Guerrillakämpfer, vor allem im Baskenland und Navarra. Ihr Motto lautete: „Dios, Patria, Fueros y Rey“ („Gott, Vaterland, regionale Gesetze und König“).

Obwohl im Allgemeinen die Carlisten heute als „Reaktionäre“ verteufelt werden, hatten sie in Wirklichkeit viel demokratischere Vorstellungen als ihre liberalen Gegner -vorausgesetzt, daß man unter „Demokratie“ die Macht des Volkes meint, und nicht das moderne Parteiensystem. Die Carlisten respektierten und schätzten die Vielfalt Spaniens, und ernten deswegen große Sympathien in Baskenland und Katalonien. Die Liberalen wiederum versuchten, Spanien zu uniformieren (in dem Fall „kastilianisieren“), was dann in gewissen Regionen verständlicherweise nicht gut ankam. Das war übrigens der Keim für die Ideologie der katalanischen und baskischen Separatismen. Nach der endgültigen Niederlage der Carlisten entfalteten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die chauvinistischen und anti-spanischen regionalen Nationalismen, die es früher nie gegeben hatte. 

Die Carlisten wurden zwar geschlagen, aber die Idee hat heute immer noch Anhänger, und es gibt eine Carlistische Partei die den jetzigen König nicht anerkennt. Die heutigen Carlisten sehen den Herzog von Anjou, Sixto Enrique, als rechtsmäßigen Thronfolger. Sixto ist ein direkter Nachkomme von Carlos, und ein entfernter Cousin des abgedankten Königs Juan Carlos (der wiederum von Isabella abstammt).

Die Carlisten meinten zu Recht: der liberale zentralisierte und kastilianisierende Staat und die Separatismen sind zwei Kehrseiten der gleichen Medaille. Beide tragen dazu bei, der spanischen Vielfalt und gleichzeitig der spanischen Einheit zu schaden. Artifizielle Feindschaften würden so erzeugt. Die Carlisten sehen Spanien als eine historische Konföderation, die überdies als eine Art geopolitischer Brücke zwischen Eurasien und Lateinamerika verstanden wird.

Der heutige Anführer der Carlisten ist ein großer Kritiker der illegalen und heuchlerischen Kriege des „Westens“ gegen die arabischen Länder. Herzog Sixto Enrique war ein persönlicher Freund des ehemaligen irakischen Außenministers Tareq Aziz (der vor ein paar Monaten in Gefangenschaft verstarb). Er reiste auch 2011 nach Libyen, als das Land von den NATO-Bomben gerade zerstört wurde. 

„Bernard Henry Lévy ist Sarkozys Ideologe für diesen Krieg“ sagt der Herzog, der in Frankreich lebt. „Die Aggression gegen Libyen wird den ganzen Mittelmeerraum destabilisieren und den islamistischen Fanatikern Flügel geben“ fügt er hinzu. 

„Libyen ist der wohlhabendste Land in ganz Afrika gewesen, und der Oberst Gaddafi genießt immer noch die Unterstützung der großen Mehrheit seines Volkes (…) Es ist eine unverschämte Heuchelei, daß die US-Regierung gerade diejenigen unterstützt, die angeblich die Terrorattacken vom 11. September vollbracht haben. Denn die „Rebellen“ in Libyen sind nichts anderes als Mitglieder von al-Qaida, die sich in Bengasi versammelt haben“ - sagte der Carlistenführer Don Sixto in einen Interview vom Juni 2011. 

Während der „absolutistische“ Sixto den Irak, Libyen oder Syrien (alles Republiken) gegen die NATO, die USA und wahabitischen Terrorismus unterstützt, ist sein entfernter Cousin, der liberale Juan Carlos, ein großer Freund der saudischen Könige Fahd und Abdallah gewesen, sowie auch des marokkanischen Tyrannen Hassan II. und der Despoten aus den Golfstaaten -  sind diese nicht eher die echten Absolutisten?


Verweise:
http://elmatinercarli.blogspot.com.es/2015/09/no-existe-el-problema-catalan-el.html 
http://www.legitimistadigital.com/2007/08/la-confederacin-de-las-nacionalidades.html
http://elmatinercarli.blogspot.com.es/2011/11/don-sixto-enrique-de-borbon-sobre-la.html
http://montejurralealtad.blogspot.de/2011/06/regresa-de-libia-don-sixto-enrique-de.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Fuero

Letzte Änderung am Dienstag, 27 Oktober 2015 14:01
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Felix Alemán

Felix Alemán (Jahrgang 1985), Deutsch-Spanier, wurde in Berlin geboren und wuchs in Spanien auf.

Nach dem Abitur schloß er eine kaufmännische Ausbildung in der Fachrichtung Fremdsprachen ab. Seit 2005 wohnt er wieder in Berlin. Seine Interessengebiete beinhalten Sprachen, Filme und Politik. Er schreibt Filmkritiken für einen spanischen Blog.

Für COLPORTAGE befaßt er sich u.a. mit geopolitischen Themen mit dem Schwerpunkt Spanien und Lateinamerika.

Webseite: www.colportage.de

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