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Ein Kommentar aus der Welt zwischen den Stühlen

Terror in Frankreich

Donnerstag, 08 Januar 2015 23:26 geschrieben von 

Paris - Ich gestehe gleich vorab, daß ich unter meinen Freunden sowohl Moslems als auch Islamgegner verschiedener Schattierungen habe und dabei eine gute Gelegenheit hatte, die mehr oder weniger guten Argumente beider Seiten zum Thema zur Kenntnis zu nehmen. Besonders unangenehm aufgestoßen ist mir die allgemeine Unsachlichkeit der Debatte. Verständlich, und doch nicht hilfreich. Das Urteil steht für die Kontrahenten fest, warum da wer was getan hat, und Einwände werden als zynisch oder irrelevant abgetan. Es herrscht Hysterie.

Dennoch will ich versuchen, ohne Zorn und Eifer ein paar Gesichtspunkte zusammenzutragen, die zumindest möglicherweise zu einer ausgewogeneren Betrachtungsweise beitragen könnten, ohne wiederum zu schwammig zu werden. Weder möchte ich die einseitigen Wiederholungen der Islamgegner noch jene der toleranzgefütterten und bisweilen recht großsprecherischen Islamverbände für sich stehen lassen, höchstens aus deren Zusammenführung ließen sich Erkenntnisse gewinnen, und von gutmenschlichen Multikulti-Fans ist eh wenig Erhellendes zu erwarten.

Absichtlich außer Acht lassen möchte ich Spekulationen über einen möglichen Anschlag unter falscher Flagge, worunter ich der Einfachheit halber eine mögliche Geheimdienstoperation im eigentlichen Sinne und einen echten Anschlag, der jedoch absichtlich nicht verhindert wurde, zusammenfasse. Es gibt da verschiedene Argumente, manche lassen sich schnell entkräften, andere könnten durchaus Substanz haben. Wer mag, wird nach „France false flag“ oder dergleichen googeln und kann sich selbst ein Bild über die Gewichtigkeit der vorgebrachten Punkte machen.

Ebenso schleiche ich in diesem Zusammenhang bewußt am „Cui bono?“ vorbei. Sicher können sich aus dieser Frage richtige Antworten ergeben, müssen es aber nicht. Ich möchte das bequemerweise einfach anderen überlassen.
Im Wesentlichen schwabbelt und spritzt die öffentliche Diskussion zwischen den Mantras „genau so ist der Islam“ der Islamgegner und „das hat mit dem Islam nichts zu tun“ der Islamverbände. Beide Ansichten sind nicht sonderlich hilfreich, um das Geschehen einordnen zu können.

Tatsächlich beweisen wahabitische bzw. salafistische Fanatiker in Libyen, Irak oder Syrien seit langen Jahren, daß sie mit großer Begeisterung schlachten können: Christen, säkuläre Patrioten oder andersgläubige Moslems. Sie selbst fühlen sich dabei vermutlich schon als gute Gläubige. Die theologische Diskussion, ob dies nun der wahre Islam sei oder dessen Pervertierung, habe ich oft mit Moslems geführt. Ich neige eher zur letzteren These, aber der große Einfluß der extremen Schulen auf Sunniten weltweit läßt sich nicht bestreiten.

Eindeutiger finde ich einen anderen Punkt, und zwar den, daß „der Westen“ einen nicht geringen Anteil an der Entstehung und Ausbreitung dieser Plage hat. Kämpfer von FSA, al-Nusra und IS werden in Israel medizinisch versorgt, von amerikanischen Militärs ausgebildet, mit europäischen Waffen beliefert, Frankreich zerbombte das säkulare Libyen Ghaddafis und Nachschub an Geld und Kämpfern liefert nicht zuletzt „unser“ Verbündeter Saudi-Arabien, auch theologisch Zentrum gerade der unduldsamsten Strömungen. Syriens Präsident Assad warnte schon vor längerer Zeit, daß die gegen ihn unterstützten Terroristen sich irgendwann gegen Europa wenden würden. Tatsächlich sollen unter den Verdächtigen von Frankreich Personen mit Kampferfahrung in Syrien sein.

Was Einwanderer aus islamischen Ländern in Deutschland angeht, muß unbestreitbar eine besondere Auffälligkeit festgestellt werden. In der deutschen Kriminalstatistik stehen insbesondere Libanesen und Türken (einschließlich der Kurden, dies wird leider nicht differenziert), verglichen mit ihren Bevölkerungsanteilen, deutlich vor den Einheimischen. Wer nicht ganz politisch korrekt konditioniert ist, wird derartiges auch ohne Statisik erkennen. Also die Moslems. Halt... Iraner hingegen sind ganz unterdurchschnittlich auffällig... aber die sind ja auch Moslems, oder? Zum einen spielt sicher die soziale Herkunft der Zuwanderer eine Rolle, ob es sich nun um bildungsferne Schichten oder Intellektuelle handelt.

Eine andere Sache indes, die mir erst in letzter Zeit bewußt wurde: viele pro-Forma-Moslems leben den Islam kaum als Religion. Sie fühlen sich zwar den Einheimischen gänzlich überlegen, und würden als Grund sicher auch ihren Glauben nennen, aber richten sich gar nicht nach dessen Regeln, und deutsche Konvertiten bleiben für sie Kartoffeln. Meines Erachtens ist hier der Glaube zu einem Versatzstück der ethnokulturellen Identität geworden, und tatsächlich handelt es sich nur scheinbar um religiösen, vorrangig jedoch ethnischen Sprengstoff. Höhnische Kommentare von jungen Männern aus diesen Kreisen dürften auch eher von Mangel an Bildung und Erziehung denn tiefem Glauben zeugen - was wiederum nicht bedeutet, daß diese verzogenen Bengel nicht für wahabitische Propaganda anfällig wären, ein großer Teil der aus Europa gekommenen Dschihadisten soll einen jugendkriminellen Hintergrund haben.

Einige Male habe ich die Frage gelesen, wenn dies nicht der wahre Islam sei, warum dann die Millionen Muslime nicht gegen diesen Terrorismus auf die Straße gingen. Eine gute Frage, und sie erinnert mich daran, wie ich einst eine der säkularen Baath-Partei nahestehende syrische Bekannte für einige deutschfeindliche Äußerungen kritisierte und meinte, daß die Mehrheit der Deutschen diesen Krieg gegen Syrien sicher nicht wolle. Ihre Antwort war: „Wenn die Deutschen diesen Krieg nicht wollen und sich durch Merkel, die sie sogar gewählt haben, nicht vertreten fühlen, warum gehen sie dann nicht in Millionen auf die Straße?“ Eine ebenso gute Frage, finde ich, abgesehen davon, daß der Krieg in Syrien nicht zehn oder zwölf, sondern zehntausende Menschenleben gekostet hat und weiterhin kostet. Aber der Kern der Frage ist gleich, und entweder, man läßt beide gelten, oder keine von beiden.

Mich persönlich begeistert weder die unsachliche Berichterstattung über PEGIDA, noch gehirnerweichtes Toleranzgefasel, noch die derzeit auftauchende unreflektierte Feindstellung gegen „den Islam“. Kritik an der unmäßigen Zuwanderung und an westlicher Einmischung in den Ländern des Nahen Ostens sollten Hand in Hand gehen, sonst wird da vielleicht alles mögliche bei rauskommen, sicher jedoch nichts Gutes.

Letzte Änderung am Donnerstag, 08 Januar 2015 23:42
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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