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Zur Debatte um den Genozid an den Armeniern

Von Schabbtai Zvi zu Joachim Gauck

Samstag, 25 April 2015 15:57 geschrieben von 
Von Schabbtai Zvi zu Joachim Gauck Bild: Charles Roden Buxton "Turkey in Revolution"

Berlin - Schabbtai Zvi (1626-1676) war ein jüdischer Religionsgelehrter, der sich für einen Propheten hielt und dafür aus der jüdischen Gemeinde seiner Heimatstadt Smyrna (heute Izmir) ausgeschlossen wurde. Aufgrund seines Charismas und damals weitverbreiteter endzeitlicher Erwartungen konnte er jedoch eine gewaltige Anhängerschaft um sich scharen und sich schließlich sogar selbst zum Messias erklären. Die Bewegung spaltete vielerorts das Judentum, das Jerusalemer Rabbinat allerdings belegte ihn mit dem Bann.

Nachdem er im osmanischen Reich einige Zeit Unruhe gestiftet hatte, hatten die Türken 1666 genug und stellten ihn vor Gericht. Er sollte beweisen, daß er der Messias sei, indem ein auf ihn geschossener Pfeil ihn nicht verwunden könne - oder zum Islam konvertieren. Schabbtai Zvi entschied sich für die formale Konversion, zur Enttäuschung eines großen Teil seiner Anhänger.

Ein Teil der Sabbatianer glaubte jedoch weiterhin, Schabbtai Zvi sei der Messias. Sie folgten seinem Beispiel und nahmen zum Schein dem Islam an, um im privaten Kreis weiterhin seinem Sektenglauben zu huldigen. Viele von ihnen siedelten sich in Griechenland und der Türkei an, insbesondere in Saloniki. Bekannt wurden sie unter dem Namen Dönmeh.

Saloniki wurde später zum Schwerpunkt der jungtürkischen modernistischen Bewegung, und unter ihren Führern befanden sich auch zahlreiche Dönmeh, so der spätere Finanzminister Cavid Bey. 1908 kamen die Jungtürken durch eine Revolution an die Macht.

Im Ersten Weltkrieg standen sich dann das Osmanische Reich und Rußland gegenüber. Die Armenier unterstanden der osmanischen Oberhoheit, sympathisierten jedoch mit der russischen Seite und verbündeten sich mit dieser. Die Türken, unter jungtürkischer Führung, reagierten brutal. Nach eigener Sicht mit einer Austreibung der Armenier, die sicher zahlreiche Todesopfer gefordert habe, der Begriff des Völkermords sei jedoch verfehlt. Nach armenischer Sicht mit einem planmäßigen Völkermord mit 1,5 Millionen Todesopfern.

Vorsichtig kann man die Frage stellen: muß denn wirklich eine Seite mit ihrer Sicht der Dinge vollständig Recht haben? Kann es nicht sein, daß beide Seiten auf ihre Weise Propaganda betreiben, Lüge und Wahrheit mischen? In Bezug auf den Hintergrund, daß von armenischer Seite weitgehend verschwiegen wird, daß bei den Türken der Aspekt der Rache für vorangegangene Massaker von Armeniern an Türken und Kurden sowie der Abfall vom Reich eine  Rolle gespielt haben, während die Türken wiederum die Planmäßigkeit und Intention der Massaker verharmlosen? Daß eine Seite die Zahlen über-, die andere sie hingegen untertreibt?

Nach der UN-Konvention definiert sich der Völkermord durch die spezielle Absicht, auf direkte oder indirekte Weise „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören.“ Daß die UN-Konvention damals noch nicht galt, ist bezüglich der Frage, ob nach allgemein (auch von der Türkei) anerkannter Definition der Tatbestand des Völkermords erfüllt wäre, nicht wichtig. Es geht ja nicht mehr um die Bestrafung der längst verschiedenen damaligen Täter, sondern eine Deutung nach heutigem Maßstab. Wobei die daraus zu ziehenden Konsequenzen nochmal eine ganz andere Frage wären... Wenn die bestimmte Absicht nachweisbar ist, so ist der Fall gegeben, und alles deutet darauf hin, auch wenn nicht ein langfristiger Plan, sondern eine schrittweise Eskalation, die zum Teil zum Selbstläufer wurde, anzunehmen ist. Die zweite wesentliche Frage ist dann die nach den Opferzahlen, welche naturgemäß schwerer zu klären ist.

Als Hauptorganisator der Deportationen gilt jedenfalls der jungtürkische Innenminister Talât Pascha, gleichzeitig Großmeister der türkischen Freimaurerei und vermutlich Dönmeh. Gegenüber dem US-Botschafter Henry Morgenthau Senior soll er sich wie folgt geäußert haben: „Ich habe in drei Monaten mehr bezüglich der Lösung des armenischen Problems erreicht als Abdülhamid II in 30 Jahren." Als weitere Haupttäter gelten Marineminister Cemal Pascha sowie Kriegsminister Enver Pascha. Die Rolle des späteren Staatsführers der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, ist umstritten. Trotz seiner Mitgliedschaft bei den Jungtürken ist ihm eine unmittelbare Verantwortung nicht nachzuweisen, er ging auch auf deutliche Distanz zu den Paschas und verurteilte in einem Interview 1926 ganz eindeutig die Verbrechen gegenüber den „christlichen Untertanen“.

Die Bundesregierung tut sich hingegen schwerer mit der Anerkennung des Völkermords. Aus Rücksicht auf den NATO-Partner Türkei erklärte sie, die Bewertung dieser geschichtlichen Ereignisse solle Wissenschaftlern vorbehalten bleiben und meint "dass die Aufarbeitung der Massaker und Vertreibungen von 1915/16 in erster Linie Sache der betroffenen Länder Türkei und Armenien ist". Das ist eine mögliche Position. Joachim Gauck hingegen sprach nun ganz klar vom Völkermord an den Armeniern. Allerdings, und das ist das Lustige daran, geht es ihm nicht so sehr um eine Kritik an der Haltung der Türkei, sondern um die Betonung des deutschen Schuldanteils, denn das Kaiserreich war ja damals immerhin mit dem Osmanischen Reich verbündet. Und natürlich gibt es keine Schuld ohne Deutschland. So hat im Endeffekt also die Türkei eine Vertreibung mit quasi kollateralen Todesopfern begangen, die Dönmeh haben nichts mit den Jungtürken zu tun, Deutschland hingegen hat sich an einem Völkermord beteiligt. Ein Teil der Deutschen glaubt jedoch weiterhin, Gauck sei ihr Präsident...

 

Quellen und weiterführende Lektüre:

http://www.eslam.de/begriffe/s/schabbtai_zvi.htm
http://en.wikipedia.org/wiki/Talaat_Pasha
http://en.wikipedia.org/wiki/Young_Turks
http://de.wikipedia.org/wiki/Cavid_Bey
http://en.wikipedia.org/wiki/Munis_Tekinalp
http://de.wikipedia.org/wiki/Komitee_f%C3%BCr_Einheit_und_Fortschritt
http://www.zoryaninstitute.org/docs/Kemal%20Ataturk%20Admits%20Reality.pdf
http://www.tagesspiegel.de/politik/genozid-vor-100-jahren-an-den-armeniern-bundesregierung-will-nicht-von-voelkermord-sprechen/11271184.html

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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