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Sunniten gegen den IS

Wütende Reaktionen nach der Verbrennung des jordanischen Piloten Maas al-Kassasbeh

Samstag, 07 Februar 2015 16:10 geschrieben von 
Variante der IS-Flagge Variante der IS-Flagge Quelle: de.wikipedia.org

Berlin - Am Dienstag hatte der sogenannte Islamische Staat (IS) ein Video veröffentlicht, in welchem die Hinrichtung des jordanischen Kampfpilot Maas al-Kassasbeh zu sehen ist. Der 26-jährige war im Dezember gefangen genommen worden und wurde nun in einem Käfig bei lebendigem Leib verbrannt. Sein Schicksal steht in engem Zusammenhang mit dem des kürzlich enthaupteten japanischen Journalisten Kenji Goto. Der IS hatte für die Freilassung der beiden Gefangenen die Freilassung der irakischen IS-Kämpferin Sajida al-Rishawi gefordert. Diese war für ihre führende Rolle bei einer Reihe von Anschlägen gegen eine Hotelkette in der jordanischen Hauptstadt Amman zum Tode verurteilt worden, 60 Menschen hatten bei diesen ihr Leben verloren. Nach der Tötung al-Kassasbehs hatte Jordanien sie und Ziyad Karboli, einen Al-Kaida zugehörigen Dschihadisten, welcher 2008 für die Tötung eines jordanischen Staatsbürgers verurteilt worden war, hinrichten lassen.

In Jordanien kam es im Zusammenhang mit dem Tod des Piloten zu teils gewalttätigen Demonstrationen. Vor dem Königspalast sollen Rufe wie "Wir werden das Blut unseres Sohnes rächen“ und „Verdammt seist du, Daesh“ (Daesh ist der arabische Name für den IS) laut geworden sein; in Ai, dem Heimatdorf des Piloten, sei ein lokales Regierungsbüro in Brand gesetzt worden.
Jordanien ist Teilnehmer der US-geführten Koalition zur Bekämpfung des IS. Während manche Kritiker den USA vorwerfen, den Kampf gegen den IS als willkommenen Vorwand zu nehmen, um stattdessen ohne formale Kriegserklärung syrische Infrastruktur zu zerstören, steht auch Jordanien nicht ganz unschuldig dar. Der Staat hatte seit Beginn des Krieges gegen Syrien als einer der Hauptrekrutierungsplätze für der Moslembruderschaft und teilweise sogar Al-Kaida nahestehende Kämpfer gegen die Regierung Assads gedient und dabei eng mit den Geheimdiensten der USA, der Türkei und Saudi-Arabiens kooperiert.

Von besonderem Einfluß auf die Haltung der sunnitischen Welt gegenüber Daesh dürften hingegen Worte sein, welche aus der al-Azhar-Universität in Kairo angesichts der grausamen Tat zu vernehmen waren. Die Azhar gilt mit derzeit 16.000 Lehrenden und mehreren Hunderttausend Studenten als eine der weltweit bedeutendsten sunnitischen Lehranstalten. Sie wird vom ägyptischen Staat unterhalten und derzeit vom Großscheich Ahmad Muhammad at-Tayyib, zuvor Großmufti von Ägypten, geleitet.
Dieser drückte seine „starke Bestürzung über diesen heuchlerischen Akt“ aus und forderte „die im Koran erwähnte Bestrafung für diese korrupten Unterdrücker, die gegen Gott und seinen Propheten kämpfen: Töten, Kreuzigung und Zerhacken der Glieder“. In seiner Mitteilung führte er zudem aus, daß im Islam „das Töten der unschuldigen Menschenseele, die Verstümmelung der menschlichen Seele durch Verbrennung oder in jeder anderen Weise selbst bei einem Feind, der einen angreift“ verboten sei.
Nach traditionell islamischer Sicht gilt jeder als Moslem, welcher sich das islamische Glaubensbekenntnis zu eigen macht, ob er dies tatsächlich sei, habe nur Gott zu entscheiden. Einem bekennenden Moslem abzusprechen, Moslem zu sein, gilt als Sünde des Takfir. Extreme Islamisten wie die Kämpfer des IS, welche moderate Sunniten, Schiiten oder Alewiten nicht als Muslime anerkennen, werden deshalb in weiten Teilen der islamischen Welt als Takfiris und somit Sünder gegen Gott betrachtet. Theologische Lehrmeinungen spielen in den Frontstellungen innerhalb der islamischen Welt eine gewichtige Rolle, und so ist zu hoffen, daß die gewichtige Stimme der Universität mindestens dazu beiträgt, den Rekrutierungsgrund für den IS zu schwächen.

 

Quellen:

http://mobile2.tagesanzeiger.ch/articles/54d2067c87da8b5342000001
http://www.presstv.ir/Detail/2015/02/04/396119/AlAzhar-Crucify-ISIL-militants
http://nsnbc.me/2015/02/04/jordan-hanged-two-and-vows-to-avenge-fate-of-air-force-pilot-intelligence/

Letzte Änderung am Samstag, 07 Februar 2015 16:22
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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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