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Erste salafistische Burschenschaft im Irak gegründet

Zu Besuch bei der „Wahabia Mossul“

Donnerstag, 29 Oktober 2015 20:23 geschrieben von 
Mossul am Tigris Mossul am Tigris

Mossul - Die alte nordirakische Universitätsstadt Mossul liegt in malerischer Umgebung am Ufer des Tigris. In ihrer Umgebung gibt es bedeutende Ölfelder, auch historisch ist die Stadt von einigem Rang. Zudem gibt es dort seit 1967 eine staatliche Universität. Allerdings wurde alles anders, als der „Islamische Staat“ Mitte 2014 die Stadt einnahm. Wer sich nicht zum sunnitischen Islam bekannte, wurde vertrieben oder getötet, das Wirtschaftsleben kam zum Erliegen, die Universität stellte den Lehrbetrieb ein.

Später aber hat die Führung des IS beschlossen, die Uni für eigene Zwecke zu nutzen, als Lehranstalt im Sinne des Wahabismus. Um die zahlreichen deutschstämmigen Kämpfer des IS zusammenzuführen und ihnen ein Stückchen Heimat zu geben, hat Jerome Müller-Künast, der ehemalige Student der Gender Studies und Ethnomedizin aus Hamburg, der sich jetzt Adnan al-Taimiya nennt, an der Universität eine Burschenschaft nach deutschem Vorbild gegründet, die „Wahabia Mossul“.

Wir treffen Adnan auf den Stufen der Eingangstreppe des Hauptgebäudes. „Die Wahabia Mossul ist die älteste wahabitische Studentenverbindung“ erklärt er stolz. Den Hinweis, daß es sich ja auch um die einzige handele, sparen wir uns angesichts der schwerbewaffneten jungen Männer, die überall rumstehen und mit grimmiger Miene das auf einem riesigen Bildschirm zu lesende Vorlesungsverzeichnis nachbeten.

„Wir verbinden unseren Glauben mit altehrwürdiger deutscher Studententradition, die wir natürlich den hiesigen Gegebenheiten anpassen.“ Was denn so dazu gehöre, wollen wir wissen. „Unter anderem fechten wir Mensuren mit Maschinengewehren. Wir tragen Turbane mit grüner Coleur. Natürlich gibt es regelmäßige Kneipen, wobei wir statt Bier jedoch selbstverständlich Kaffee ausschenken. Das Zipfeltrinken mit Kaffee ist ein Mordsgaudi, genauso wie der Kaffeejunge. Dabei erhalten die jeweiligen Kontrahenten einen 5-Liter-Stiefel voll Kaffee. Wer seinen als erster ausgetrunken hat, hat gewonnen.“

Musik sei natürlich streng verboten. Bisher besteht die Wahabia Mossul zudem nur aus Füxen. „Um ein richtiger Wahabe zu werden, braucht es den Schmiß. Und das heißt bei uns: Kopf ab!“ lacht Adnan.
Ob denn auch der mal wieder als gefallen gemeldete und früher als Gangsta-Rapper „Deso Dogg“ bzw. bürgerlich Denis Cuspert bekannte Kämpfer des Islamischen Staates Abu Talha al-Almani Mitglied der Wahabia Mossul gewesen sei?

„Nein, der Bruder konnte ja kaum lesen, von einem Studium ganz zu schweigen. Die Wahabia Mossul nimmt grundsätzlich nur Studenten auf. Allerdings haben einige unserer Jungs jetzt zu seinem Gedenken das Vorhaben angekündigt, eine Pennälerburschenschaft „Desodoggia Ghetto“ zu gründen. Unsere Unterstützung dafür haben sie!“

Da ertönt vom Minarett der Ruf des Muezzin. Adnan eilt davon, ohne sich noch einmal nach unserem COLPORTAGE-Redaktionsteam umzusehen. Wir gehen zum Hotel; als offiziell eingeladene Journalisten haben wir einen besonderen Schutzbrief erhalten. Bald geht es wieder heimwärts. Da brummt das Mobiltelefon. Per SMS erhalten wir die Nachricht, daß einer der Füxe enthauptet wurde, weil er versucht hat, den türkisch aufgebrühten Kaffee durch Irish Coffee zu ersetzen.

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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