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Zur Weiblichen Genitalverstümmelung in Ägypten

Mittwoch, 26 August 2015 23:39 geschrieben von 
Zur Weiblichen Genitalverstümmelung in Ägypten Quelle: commons.wikimedia.org | Johnuniq | CC BY-SA 4.0

Kairo - Die weibliche Genitalverstümmelung wurde in Ägypten 2008, noch zu Zeiten des säkularen Autokraten Hosni Mubarak, verboten. Dennoch ist das Problem virulent geblieben, wie der ägyptische Journalist Khaled Hussein erneut ans Tageslicht gebracht hat.

Gleich drei Geschäfte, welche diese Form der Beschneidung anbieten, konnte Hussein auf einem Markt in Kairo aufdecken, so die Cairo Post. Der Preis beträgt lediglich 50 ägyptische Pfund, umgerechnet etwa 5,50 Euro. Hussein filmte heimlich mehrere Mädchen im Alter zwischen 8 und 12 Jahren, welche mit Verwandten vor einem solchen Laden darauf warteten, an die Reihe zu kommen. Er gab sich selbst als Onkel eines Mädchens aus, der nach einem guten Mizayen (Beschneider für Frauen) fragte. Lediglich zwei Minuten dauere die Prozedur, welche mit örtlicher Betäubung, Scheren und Klingen durchgeführt werde, so der Mizayen.

Im weiteren interviewte Hussein den Islamgelehrten Scheich Osama al-Qusy von der renommierten Al-Azhar Universität, welcher erklärte, die weibliche Genitalverstümmelung sei im Islam verboten, aufgrund unautorisierter Belege glaubten jedoch manche Menschen, die Prozedur sei ein religiöses Ritual für das Mädchen. Allerdings gibt es auch in Ägypten Gelehrte, vor allem aus dem Umfeld der Salafisten und der Muslimbrüder, die dies anders sehen. Im Mai hatte Ägyptens Gesundheitsminister von einer Beschneidungsrate von 92% bei den verheirateten ägyptischen Frauen gesprochen, wobei es in ländlichen Gebieten 95% seien und in Städten 8%.

Die Ursprünge der weiblichen Genitalverstümmelung, welche es in verschiedenen Stufen gibt, sind vermutlich im antiken Ägypten zu sehen und haben sich von dort aus ins noch heidnische Schwarzafrika verbreitet. Praktiziert wird sie nicht nur bei heidnischen Stämmen, sondern auch bei äthiopischen Juden und Teilen der afrikanischen Christenheit sowie vor allem unter sunnitischen Muslimen, wobei sich diese Praxis weder für das Judentum noch für das Christentum theologisch begründen läßt.

Etwas komplizierter ist die Frage im Islam. Im Koran sind weder weibliche noch männliche Beschneidung erwähnt. Die vier traditionellen sunnitischen Rechtsschulen befürworten dennoch die weibliche Beschneidung, die Schafiiten machen sie gar zur expliziten Pflicht. Es gibt Hadithen, welche zur Begründung herangezogen werden, deren Überlieferungskette gilt allerdings als schwach (und somit die Hadith als wenig authentisch). Islamische Gegner der Praxis beziehen sich hingegen oft auf eine Sure des Koran, nach welcher Allah Mann und Frau in bester Form erschaffen habe. Der Ursprung ist in jedem Fall vorislamisch, der oft behauptete feste Zusammenhang mit dem Islam ist falsch. Dennoch ist die Verbreitung in sunnitischen Ländern nicht zuletzt aus der Haltung der jeweiligen Rechtsschule zu erklären.

Außerhalb Afrikas ist die Praxis im wahabitischen nördlichen Saudi-Arabien, im südlichen Jordanien, im Jemen, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im weitgehend schafiitischen malayischen Raum, unter Beduinen in Israel und unter Kurden stark verbreitet. Die bereits aus Schweden zu lesende Meldung, daß dort sämtliche Mädchen einer Schulklasse verstümmelt gewesen seien, erklärt sich daraus, daß es sich dabei um kurdische und somalische Einwandererkinder handelte. Es gab wiederholt Fälle, in denen Mädchen nach dem Heimaturlaub nicht zurückkehrten - sie waren an den Folgen der dort durchgeführten Beschneidung verstorben.

In jedem Fall dürfte der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung kaum ohne Hilfe der religiösen Autoritäten zu gewinnen sein. Als positives Beispiel kann aber die koptische Kirche dienen, welche die Praxis 2001 ganz offiziell für unchristlich erklärte, worauf sie unter den ägyptischen Kopten fast vollständig aufhörte.

 

Quelle:

http://www.thecairopost.com/news/164830/inside_egypt/mutilation-for-sale-fgm-offices-discovered-in-cairo

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Ruedi Strese

Mag. Ruedi Strese (Jahrgang 1980) machte 2001 sein Abitur und lebt in Berlin.

Nach seinem Studium der Germanistischen Linguistik und der Südostasienwissenschaften an der Humboldt-Universität und Abschluß mit dem Magistergrad im Jahr 2010 arbeitete Ruedi Strese als Lektor, Autor und Musiker.

Seit Dezember 2014 leitet er die Redaktion von COLPORTAGE.

Webseite: www.colportage.de

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